Brandverletzte Jugendliche

Geschwister & Freunde

Jemand in deiner Familie oder in deinem Freundeskreis ist brandverletzt? Dann bist bestimmt auch du mitbetroffen und unsicher, wie du damit umgehen sollst? Hier findest du Infos zu Ursachen und Folgen von Brandverletzungen und was du tun kannst, um zu helfen. Außerdem kannst du in Erfahrungsberichten lesen, wie andere mit der Situation umgegangen sind und einzelne Begriffe im Lexikon nachschlagen.

Ursachen

Paulinchen

Wusstet ihr, dass sich jährlich rund 6.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland so stark verbrennen, dass sie ärztlich behandelt werden müssen? Meist geschehen diese Unfälle zuhause oder in der Freizeit. Wir haben Euch hier die häufigsten Unfallgefahren aufgelistet:

Heiße Flüssigkeiten

Öle, Fette,Tee, Kaffee. Allein eine Tasse mit heißem Kaffee oder Tee kann bis zu 30% der Körperoberfläche eines Säuglings oder Kleinkindes verbrühen.

Verbrennungen durch Feuer

Hausbrände, Zündeln, Grillen mit Brandbeschleunigern, offenes Feuer oder brennende Kerzen, Explosionen durch Feuerwerkskörper oder Gasexplosionen.

Kontaktverbrennungen an heißen Flächen

Öfen, Herdplatten, Bügeleisen, Heizkörper.

Verbrennungen durch Strom

Lichtbögen aus Hochspannung, Steckdosen.

Verätzungen durch Säuren

Reinigungsmittel im Haushalt, insbesondere für Backöfen und Grills, aber auch Abflussreiniger, Kalkentferner oder Bleichlaugen.

Folgen

Paulinchen

Zieh dich NICHT zurück. Mache Sport, soweit es körperlich geht und treffe dich mit deinen Freunden. Freunde und Familie sind in dieser Zeit besonders wichtig.

–Nico, 17 Jahre

Brandverletzungen, wie Verbrennungen und Verbrühungen, sind sehr schmerzhaft. Meist folgt ein langer Krankenhausaufenthalt, alleine ohne Familie oder Freunde, in einer völlig ungewohnten, fremden Umgebung, bei schweren Verletzungen mit Versorgung auf der Intensivstation. Schwere Brandverletzungen ziehen viele Operationen nach sich, die mit Narkosen, Angst und Schmerzen verbunden sind.

In dieser Zeit und besonders auf der Intensivstation ist nur wenig Kontakt zu Freunden und Verwandten möglich. In der Schule kommt es meist zu langen Fehlzeiten.
Je nach Schwere und Lokalisation der Verletzung kommt es zu Bewegungseinschränkungen. Durch das lange Liegen muss Alltägliches, wie Laufen, ganz neu geübt werden. Beim Waschen oder Eincremen ist der bzw. die Verletzte auf Hilfe angewiesen. Der Unfall ist ein sehr traumatisches Ereignis und die lange Krankenhauszeit schwächt den gesamten Körper.

Neben der verletzten Person leiden die ganze Familie und das Umfeld mit. Häufig waren Freunde oder Geschwister beim Unfall dabei und haben alles mit ansehen müssen. Das ist sehr schwer zu ertragen und zu verarbeiten. Geschwister sind oft verunsichert, denn auch für sie verändert sich der Alltag schlagartig, weil die Eltern viel Zeit beim verletzten Kind im Krankenhaus verbringen.

Wenn auch du durch den Unfall belastet bist, suche dir Vertrauenspersonen mit denen du darüber sprechen kannst. Das können Eltern, Großeltern, Verwandte oder gute Freunde sein, aber auch Seelsorger, Psychologen können beratend helfen oder du meldest dich bei Paulinchen!

Was kann ich tun

Bleibe in Kontakt!

Auch wenn es nur eine kurze Nachricht übers Handy oder per Email ist - nach einem Unfall ist der Kontakt zu vertrauten Personen wie Freunden oder Geschwistern sehr wichtig.

Schicke ein Päckchen!

Eine selbst gemixte CD, Lieblings-Süßigkeiten oder ein paar ausgedruckte Fotos sind eine schöne Überraschung.

Informiere andere!

Sprich mit Freunden und Schulkameraden über den Unfall und tauscht euch aus, wie ihr euren Freund / eure Freundin und euch auch gegenseitig unterstützen könnt.

Organisiere Grüße oder eine Party!

Organisiere Grüße aus der Klasse bzw. Schule oder gleich eine ganze Willkommensparty, wenn dein/e Freund/in aus der Klinik oder Reha zurückkommt. Sprich das aber auf jeden Fall mit den Eltern ab!

Besuche deinen Freund / deine Freundin!

Der erste Besuch nach einem Unfall kann einen nervös machen, aber das ist völlig normal. Versuche trotzdem keine Verunsicherung zu zeigen und verhalte dich so wie immer. Sprich über Alltägliches. Wenn du das Gefühl hast, er/sie möchte über die Verletzung reden, sei offen dafür.

Erfahrungsberichte

Der Unfall meines Bruders veränderte unser Familienleben schlagartig. Ich war damals 14 und mein Bruder 11 Jahre alt. Meine Mutter verbrachte plötzlich viel Zeit mit ihm in verschiedenen Krankenhäusern. Von allen Seiten bekam er Aufmerksamkeit. Oft war ich mit meinem Vater allein zu Hause. Ich habe versucht, möglichst viel zu helfen und meine Eltern zu entlasten, was wirklich herausfordernd war. Immer wieder sind wir spontan gemeinsam zu Ärzten gefahren und haben andere Krankenhäuser besucht, um uns beraten zu lassen. Die Behandlung seiner Wunden bestimmte unseren Alltag und ebenso unseren Urlaub. Letzten Endes hat uns der Unfall aber auch auf besondere Weise zusammen geschweißt. Ein Highlight war die gemeinsame Kur in La Roche- Posay.

Diesen Bericht zu schreiben war für mich nicht einfach: zum einen, weil der Unfall meines Bruders nun schon einige Jahre zurück liegt; zum anderen, weil ich nicht nur Positives zu berichten habe.

Der Unfall meines Bruders ereignete sich, als er 9 Jahre alt war und ich fast 13.

Begonnen hat alles damit, dass ich eigentlich gar nichts mitbekommen habe. Ich kam aus der Schule nach Hause und habe niemanden zu Hause angetroffen. Ein Mitarbeiter der Firma meiner Eltern sagte mir, dass mein Vater beruflich unterwegs sei und meine Mutter nicht da wäre, weil mein Bruder sich auf einem Kindergeburtstag die Finger verbrannt habe. Da habe ich mir noch nichts dabei gedacht, das kann ja mal passieren. Abends kam ich dazu, als meine Eltern mit meinen Großeltern zusammen saßen, meine Mutter war völlig aufgelöst und auch mein Vater wirkte sehr beunruhigt. Ich fragte was los sei und da erst berichteten meine Eltern mir von dem Unfall. Ich war ziemlich geschockt und konnte das Ganze noch gar nicht richtig realisieren.

Die nächsten Tage liefen eigentlich immer gleich ab. Meine Mutter war den ganzen Tag im Krankenhaus und auch mein Vater ist nach der Arbeit häufig dorthin gefahren. Ich habe meine Eltern in dieser Zeit wenig gesehen. Meine Großmutter war aber jeden Tag bei uns, um sich um uns zu kümmern. In dieser Zeit wurde ich von meiner Oma verwöhnt, was ich genossen habe, und auch mein Vater hat mir immer wieder etwas zugesteckt, damit ich mir einen Film oder etwas anderes für den Nachmittag kaufen konnte. Das fand ich super, denn fernsehen am Nachmittag durfte ich bis dahin gar nicht. Später fühlte ich mich vernachlässigt, da ich dachte, dass meine Eltern mich damit nur beschäftigten wollten. Heute denke ich, dass meine Eltern nicht wussten, wie sie uns beiden, meinem Bruder und mir, gerecht werden sollten und sich nicht anders zu helfen wussten. Das konnte ich damals - und heute noch viel mehr - verstehen, trotzdem fühlte ich mich oft einsam.

Ich durfte damals nie mit ins Krankenhaus, weil mein Bruder auf der Intensivstation lag und ich ja noch unter 14 war. Meine Eltern hätten aber sicherlich etwas machen können, sie wollten mir den Anblick jedoch ersparen. Das fand ich damals ziemlich gemein, schließlich lag da mein Bruder und ich durfte nicht zu ihm. Erst auf der Mutter – Kind Station durfte ich ihn besuchen. Ich kann mich noch gut an den ersten Besuch erinnern: Ich war ganz schön geschockt! Die Narben waren noch sehr rot, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Da habe ich erkannt, dass es das Beste für mich war, meinen Bruder nicht auf der Intensivstation gesehen zu haben. Dafür war ich noch zu jung.

Ich habe meinen Bruder dann regelmäßig besucht. Die Fahrten zum Krankenhaus und zurück sind mir in guter Erinnerung geblieben. Ich habe viel mit meinem Vater geredet, wobei ich auch erfahren habe, dass mein Vater gleich am Tag des Unfalls meine Klassenlehrerin informiert hatte, um mein eventuell verändertes Verhalten zu erklären. Mit mir hat meine Lehrerin jedoch nie gesprochen, was ich auch gut fand, es war jedoch trotzdem gut zu wissen, dass in der Schule jemand Bescheid wusste.

Damals fing ich an eifersüchtig zu werden. Mein Bruder bekam immer mal wieder etwas geschenkt – und nicht nur Kleinigkeiten. Irgendwann kam mein Bruder nach Hause, darauf hatte ich mich auch gefreut. Meine Oma hatte eine Torte gebacken und alle Verwandten sind zu Besuch gekommen. Dann kam mein Bruder und ich war Luft. Ich ging dann irgendwann alleine in mein Zimmer und dachte, vielleicht fällt es ja jemanden auf. Nach einiger Zeit, als mich niemand gesucht hatte, bin ich wieder ins Wohnzimmer gegangen, doch es schien niemandem aufgefallen zu sein, dass ich einige Zeit nicht da war.
Das wurde in meinen Augen auch mit der Zeit nicht besser, sondern schlimmer. Auf meinen Bruder musste man ja immer mehr Rücksicht nehmen und auf ihn musste man immer besonders aufpassen. Mit mir ging ja alles glatt. Habe ich Geschirr im Wohnzimmer stehen lassen, musste ich es wegräumen, ließ mein Bruder etwas stehen, hat man das übersehen. Auf ihn waren alle superstolz, als er sich das erste Mal alleine Spaghetti kochte, bei mir war es normal.

Heute hat sich das alles etwas verändert. Wir sind mittlerweile erwachsen und meine Eltern haben inzwischen eingesehen, dass sie ihn nicht immer beschützen können.

Ich möchte noch einmal betonen, dass ich meine Eltern mit diesem Bericht nicht schlecht machen möchte. Für sie war die Situation damals auch nicht einfach und sie wussten nicht wie sie sich verhalten sollten.

Beim Unfall meines Freundes war ich dabei und konnte ihm nicht helfen. Das hat mich am Anfang sehr belastet, sodass ich ihn nicht im Krankenhaus besuchen wollte. Erst nach einigen Wochen habe ich ihn wieder gesehen und wir haben sofort über die Ereignisse gesprochen. Das war für uns beide gut. Schnell konnten wir "normal" reden und Alltägliches besprechen. Heute sind wir immer noch eng befreundet und die Ereignisse von damals ändern daran nichts.

Als meine Freundin ihren Unfall hatte, durfte ich sie zunächst nicht besuchen. Ich war unheimlich traurig, denn ich wollte doch sehen, wie es ihr geht. Aber die ersten Wochen durften nur ihre Eltern zu ihr. In unserer Klasse haben wir überlegt, wie wir ihr helfen können. Jeder hat einen Brief geschrieben und daraus entstand ein dickes Buch, das wir ihr über ihre Mutter geben konnten. Ich denke das hat ihr geholfen, gesund zu werden.

Als mein Nachbar plötzlich nach seinem Unfall im Krankenhaus lag, hatte ich keinen Tennispartner mehr. In unserer Mannschaft fehlte er und wir mussten ohne ihn fighten. Wir haben bei jedem Match an ihn gedacht und für ihn gespielt. Dadurch sind wir als Mannschaft stark geworden und konnten in dem Jahr sogar aufsteigen. Er hat sich riesig gefreut und hat in der nächsten Saison wieder voll mit gespielt.

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